Es geht immer früher los... Pollen-Alarm!

Experteninterview mit HNO-Arzt Dr. med. Andreas Horn, Heidelberg

Dr. Andreas HornWarum erkranken immer mehr Menschen an Heuschnupfen?

Dazu gibt es verschiedene Thesen, z.B. dass Pflanzen allergenhaltigere Pollen produzieren oder unsere sehr hohen Hygienestandards generell die Immunabwehr schwächen. Die eine Ursache gibt es dafür nicht. Fakt ist aber, dass Allergien mittlerweile eine Volkskrankheit sind. An Heuschnupfen leidet bereits etwa jeder dritte Deutsche.

Ist man in jedem Alter anfällig?

Ja, man kann sowohl als Kind als auch im hohen Alter noch an Allergien erkranken. Besonders anfällig ist man aber, wenn bereits Allergien in der Familie vorliegen, Sind beide Elternteile Allergiker, hat das Kind eine Wahrscheinlichkeit von 80% an diese Allergiker-Karriere anzuknüpfen.

 

Kann man Heuschnupfen vorbeugen?

Schwierig. Wenn, muss die Prävention bereits im Mutterleib erfolgen. So gibt es eine Studie aus Dänemark, die gezeigt hat, dass die Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft Omega-3-Fischöle zu sich genommen haben, signifikant seltener Allergien und Asthma entwickelt haben. Auch Probiotika können das Immunsystem von gefährdeten Kindern stärken. Eine Garantie, dass das hilft, gibt es aber nicht.

Was sind die Unterschiede zu normalem Schnupfen?

Ein Hinweis ist, dass der Schnupfen ohne Vorwarnung, also plötzlich und meist heftig auftritt und meistens länger bleibt als der Erkältungsschnupfen. Beim allergischen Schnupfen ist das Sekret zumeist klar und wässrig, und die Betroffenen müssen auch häufiger hintereinander heftig niesen. Zudem tritt Heuschupfen natürlich nur auf, wenn Pollen in der Luft sind.

Ist eine Selbstmedikation okay?

Das hängt von den Beschwerden ab. Man sollte immer wissen, dass eine Allergie eine dauerhafte Entzündung des Körpers ist, die das Immunsystem belastet. Allergien werden immer noch bagatellisiert, dabei können sie die Lebensqualität extrem einschränken und zu weiteren Erkrankungen führen. Daher kann ich nur raten, einen Arzt aufzusuchen und die Behandlungsmöglichkeiten zu besprechen.

Kann man mit der Hyposensibilisierung auch jetzt noch beginnen?

Eine Hyposensibilisierung kann auch in der Pollensaison begonnen werden. Das hängt vom jeweils verwendeten Präparat ab. Für dieses sollte ein Start in der Saison zugelassen sein.

Hilft sie immer?

Die Hyposensibilisierung ist bisher die einzige Möglichkeit, die Ursache einer Allergie zu behandeln. Damit kann man auch die Entwicklung weiterer Allergien und von Asthma aufhalten. Ob sie hilft, hängt u.a. von der korrekten Diagnose sowie auch hier wieder vom verwendeten Präparat ab. Da gibt es große Unterschiede. Allergiker sollten ihren Arzt unbedingt fragen, ob die Wirksamkeit in Studien nachgewiesen worden ist. Die Hyposensibilisierung ist übrigens deutlich patientenfreundlicher geworden und mittlerweile auch mit Tabletten statt Spritzen möglich.

Was kann man außerdem tun?

In der Apotheke findet man symptomlindernde Medikamente wie Antihistaminika. Die der zweiten Generation machen weniger müde. Darüber hinaus kann man auch präventiv Produkte einnehmen oder situativ z.B. Nasenfilter verwenden. Vielen Allergikern hilft auch die Nasendusche, mit der man Pollen und andere Allergene aus der Nase spülen kann.

Was passiert, wenn der Heuschnupfen unbehandelt bleibt?

Wenn eine Allergie nicht ursächlich behandelt wird, sondern nur mit symptomlindernden Medikamenten, bleibt die Entzündung im Körper bestehen. Das ist eine dauerhafte Belastung für das Immunsystem. Die Folge sind z.B. Kreuzallergien, dann verträgt der Birkenpollenallergiker z.B. keine Äpfel mehr. Oder es treten Neusensibilisierungen auf, also die Entwicklung weiterer Allergien, und auch Asthma - das passiert leider etwa jedem vierten Pollenallergiker.

Kann er von selbst wieder verschwinden?

Das kommt selten vor. Früher hat man bei Kindern gerne abgewartet und gesagt „Das wächst sich aus“, hat es sich aber dann meist nicht. Stattdessen haben die Kinder weitere Allergien oder Asthma entwickelt. Heute lautet die Empfehlung, früh mit einer Hyposensibilisierung zu beginnen, denn die Erfolgsaussichten sind umso besser, je früher man startet.

Was sollte jemand tun, der zum ersten Mal unter Symptomen leidet?

Erst mal die Ursache herausfinden, ist das eine Allergie oder eine Erkältung? Wenn man einen Pollenflugkalender oder eine Pollen-App nutzt, kann man schnell sehen, ob und welche Pollen in der Luft sind. Und dann natürlich der Gang zum Facharzt, der im Gespräch und mit einem Hauttest schnell herausfinden kann, ob und welche Allergene die Ursache für die Beschwerden sind.

Sind Naturheilverfahren sinnvoll?

Ich bin ein Fan von Produkten, für die eine Wirksamkeit nachgewiesen wurde. Das ist für Naturverfahren leider nur selten der Fall. Es gibt aber auch naturnahe Produkte, für die auch klinische Daten vorliegen. Die sollte man ausprobieren, besonders wenn man auf der Suche nach Alternativen zu Antihistaminika ist. Die Hyposensibilisierung ist übrigens auch eine Art Naturverfahren: Denn man nimmt ja natürliche Allergene wie Baum - oder Gräserpollen in standardisierter Form zu sich, um das Immunsystem über diese Konfrontation wieder an das Allergen zu gewöhnen.

Was sind Ihre SOS-Tipps?

  • Pollen-Apps nutzen, um den Pollenflug zu kontrollieren,
  • Zu Hause Pollenschutzgitter anbringen,
  • Haare vor dem Schlafengehen waschen (auch der Partner!),
  • Kleidung nicht im Schlafzimmer ausziehen,
  • Pollenfilter im Auto einsetzen und
  • den Urlaub lieber am Meer planen.